Ungehaltene Rede an Karfreitag

von Berthold Seeger

Die Mahnwache 2020 fällt aus, nicht wegen eines Krieges, aber wegen einem Feind, der gerade die gesamte Menschheit lähmt, ein Global Player, nicht weniger furchteinflößend als waffenstarrende kriegerische Auseinandersetzungen.
Was hat das für uns Menschen, wo auch immer wir auf diesem Globus leben, zu bedeuten? Welche Zusammenhänge beinhaltet diese Katastrophe (das eher bedächtige Wort Krise passt hier nicht) zu den Bereichen Gerechtigkeit, Frieden, Bewahrung der Schöpfung? Karfreitag ist ein Tag der Trauer und des Nachdenkens. Es drängt sich auf; an diesem Tag eine dringende Botschaft aufzunehmen: Dem Virus eine Stimme geben. Eine anonym bleibende Person wendet sich an die Menschen. Sie stellt die Zusammenhänge zwischen dem Virus und dem großen Themenfeld der Friedensbewegung in brutalster möglicher Weise her.
Zu hören bei YouTube bei https://youtu.be/FHU7iHvHUGg

Haben wir diese Botschaft gehört? Dann erkennen wir neue Zusammenhänge des menschlichen Zusammenlebens, der Gerechtigkeit, des Friedens, der Schöpfung. Systemisches Denken und Handeln sind gefragt, wenn wir Wirkung erzielen wollen, angefangen beim menschlichen Zusammenleben, der (hoffentlich angestrebten) wirklich sozialen globalen Marktwirtschaft bis zu der hoch gefährdeten Schöpfung und der ebenfalls alles bedrohenden nuklearen Hochrüstung, die wieder „salonfähig“ gemacht wurde, durch Trump, Putin, Xi usw. Die Kriegswirtschaft wird es freuen, nicht nur wegen der Arbeitsplätze dort. Ich erinnere an eine hoffnungsstiftende Geste von Papst Franziskus anlässlich seines Besuches in Nagasaki im August 2019. Er betete dort und forderte laut (erstmals durch einen Religionsführer überhaupt) nicht nur einen Stopp aller nuklearen Waffenherstellung, sondern deren vollständige Beseitigung. Das ist eine Forderung, die über das hinausgeht, was bisher international aus „moralischen Gründen“ akzeptiert wurde, nämlich das Gleichgewicht des Schreckens. Franziskus fordert die Ächtung und Abschaffung aller Atomwaffen, weil sie das gefährden, was sie angeblich schützen sollen, nämlich den Frieden.
Alle Friedensbewegten können es nicht dabei bewenden lassen, berechtigte Forderungen an die Politik zu richten. Forderungen sind genauso wichtig und not-wendig wie tatkräftiges Handeln im Alltag. Dazu gehört auch der Kontakt mit unseren gewählten Abgeordneten in Europa, in Berlin, Stuttgart, dem Landkreis und der Heimatstadt. Engagement für den Frieden braucht langen Atem, wer hat diese Erfahrung nicht selbst schon gemacht? Aber jede/r kennt auch „Erfolgserlebnisse“, die aus Friedensarbeit kommen. Sie geben immer neue Motivation in diesem Engagement. Ein Wort von Martin Luther bestätigt den Grund zur Hoffnung: „Und wenn morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch einen Apfelbaum pflanzen.“
Ein Wort zu Europa. Wenn die deutsch-französische Freundschaft der Motor für ein zusammenwachsendes Europas sein soll, dann stottert dieser Motor seit geraumer Zeit, ebenso stottert die EU in fast allen Belangen, die das Friedensprojekt Europa voranbringen sollen. Wer, wenn nicht Pax Christi Mitglieder und alle Friedensbewegten, müssen das in ihrer Macht Stehende tun, um unsere Bundeskanzlerin daran zu erinnern, was sie bei offiziellen Anlässen so gerne verspricht, nämlich die Weiterentwicklung der deutsch-französischen Beziehungen. Beispiel: die feierliche Unterzeichnung des Vertrags von Aachen im März 2019 als Weiterentwicklung des Pariser Vertrags von Adenauer und de Gaulle vor mehr als 50 Jahren. Im deutsch-französischen Zug erscheint Frau Merkel als Bremserin, Macron als jemand, der den TGV endlich in Fahrt bringen will. Und in der aktuellen Bekämpfung der Folgen des Corona Virus in Italien stehen neben Deutschland zwei weitere Länder auf der Bremse, wenn es um solidarische Hilfe für das besonders betroffene Land und seinen Menschen geht. Verweigerte Solidarität gräbt sich in das kollektive Gedächtnis Betroffener ein. Gelebte Solidarität aber ebenso, mit positiver Langzeitwirkung.
Eine letzte Bemerkung im Sinne der umfassenden Sichtweise des Friedens. Auch die hoch gefährdete und bereits sehr verletzte Schöpfung hat ein langes Gedächtnis. Wer daran zweifelt, möge z.B. an den Klimawandel mit all seinen verheerenden Wirkungen denken. Wir ernten, was wir gesät haben.
Welche Welt hinterlassen wir unseren Kindern und Enkeln?
Zusammenfassend:
„Es geht um Taten, um aktives Handeln,
nicht resignieren,
anpacken,
nicht die Hände sinken lassen,
kreativ werden,
nicht hinterhertrotten,
vorangehen,
auf die Zeichen der Zeit achten und sie verstehen“ (Charis Doepgen)
denen zum Trotz, die auf Gesetzen beharren,
die Leben behindern und den Status quo gegen die Menschlichkeit verteidigen.

Der Karfreitag lädt uns dazu ein, an den zu erinnern, an dessen gewaltsamen Tod wir heute denken.
Er fordert zur Wachsamkeit auf: „Ihr seid das Salz der Erde“ Mt 5,13 (aus seiner berühmten Bergpredigt).
„Das ist keine kleine Verantwortung, die uns da auferlegt wurde.
Wir dürfen einerseits die Suppe nicht versalzen,
aber einen faden Brei dürfen wir auch nicht servieren,
wenn die Menschen dieser Welt auf den Geschmack Gottes kommen sollen.
– Habe ich mich heute schon eingemischt?“ (Quelle: Te Deum März 2019)
Das Virus verlangt Veränderung.

Berthold Seeger
Biberach an der Riß
Pax Christi Mitglied seit 1963

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